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Erste Jahre
30 Jahre Leibniz-Gymnasium

Die ANFÄNGE UND DIE ERSTEN JAHRE

Im April 1996 besteht das städtische Leibniz-Gymnasium in Gelsenkirchen-Buer 30 Jahre. In diesem Zusammenhang ist die Frage, wie es begonnen hat, recht interessant. Zu den Anfängen muß die Erinnerung nicht nur am weitesten zurückreichen, im Bemühen um die Aufdeckung der „Wurzeln" folgt sie ihrem zwingendsten Vorstellungsbild, das heute starke gesellschaftliche Relevanz besitzt. Auch bei der Beschäftigung mit der historischen Entwicklung steht die Analy­se der Anfänge an erster Stelle, werden in ihr doch Umrisse von Strukturen und beginnende Kontinuitätslinien sichtbar. Aber auch unausweichliche Sachzwänge und kaum aufhebbare Wi­dersprüche werden als Schattenlinien erkennbar, die ständige Herausforderungen darstellen und sogar zu Brüchen oder Verwerfungen in der späteren Entwicklung führen können. Hinzukom­men die sprichwörtliche „Schwere" und „Magie", die den Anfängen eigen sein sollen und da­durch ein leitendes Interesse bilden können. In der Verbindung von Fakten, Erinnerungen und Einschätzungen verschränken sich Vergangenheit und Gegenwart, objektive Feststellung und subjektiver Blick. Die dargestellten Zusammenhänge und gewonnenen Beurteilungen können nicht vollständig und abschließend sein.

Die Gründung des heutigen Leibniz-Gymnasiums an der Breddestr. in Buer-Mitte im April 1966 als „städtisch neusprachliches Jungengymnasium und wirtschafts- und sozialwissenschaftliches Gymnasium" gewährt interessante Einblicke in die allgemeine bildungspolitische Diskussion der Zeit und in die schulpolitische Wirklichkeit. In der restaurativen Nachkriegszeit hatte sich die Bildungsidee des deutschen Gymnasiums aus dem vergangenen Jahrhundert aufs neue ent­faltet. Die Wissenschaftspropädeutik und die Erziehung zu Freiheit und Verantwortung wurden als Aufgabe und Ziel gymnasialer Bildungsarbeit im demokratischen Staat festgelegt. Die stren­ge Trennung nach Jungen- und Mädchengymnasien gehörte ebenso zu den geltenden Leitvorstellungen wie die Gliederung nach typisierten fächerspezifischen Zweigen in altsprach­lich, neusprachlich und mathematisch-naturwissenschaftlich mit deutlich voneinander abwei­chenden Stundentafeln, besonders in den Naturwissenschaften, neuerdings auch in hauswirt­schaftlich (für Mädchengymnasien) sowie wirtschafts- und sozialwissenschaftlich (als koedukative Oberstufe) mit eingeschränkter Studienberechtigung. Wachsende Schülerzahlen des Max-Planck-Gymnasiums sowie Raumkapazitäten und baulicher Zustand des Schulgebäudes von 1908 an der Breddestraße hatten Anfang der 60er Jahre zum Plan einer Schulteilung und der Errichtung eines Neubaus in der Löchterheide geführt. Im April 1966 begannen das Max-Planck-Gymnasium mit mathematisch-naturwissenschaftlichem und altsprachlichem Zweig im Neu­bau und das neusprachliche Gymnasium im Altbau als eigenständige Schulen.

Das wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Gymnasium als koedukative Oberstufe hatte sich in der Mitte der 50er Jahre in unserer Stadt zunächst als Wirtschaftsoberschule mit sog. Wirtschaftsabitur als Abschluß und Berechtigung zum Studium wirtschaftswissenschaftlicher Fächer an der Kaufmännischen Unterrichtsanstalt in Alt-Gelsenkirchen an der Augustastraße ausgebildet. Nach der Weiterentwicklung zum wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Gym­nasium mit allgemeiner Hochschulreife und deshalb mit Lateinerweiterungsprüfung im Rah­men des Abiturs war 1963 eine Angliederung an das Schalker Gymnasium - damals noch in Gelsenkirchen-Bulmke an der Hammerschmidtstraße - mit räumlicher, verwaltungsmäßiger und teilweise auch personeller Eigenständigkeit erfolgt. Einer Übersiedlung nach Buer-Mitte mit Anschluß an das neusprachliche Jungengymnasium, von der neuen Schulleitung in Vorschlag gebracht, wurde bereitwillig entsprochen: von Seiten des Schalker Gymnasiums, weil es bereits einen Aufbauzweig für Realschulabsolventen hatte und in dieser Form für einen Neubau in der Liboriusstraße geplant hatte, von Seiten des Schulträgers aus sachlichen und organisatorischen Erwägungen. In Alt-Gelsenkirchen wurde - in Parallele zu Gelsenkirchen-Buer - ebenfalls das Grillo-Gymnasium geteilt: Es verblieb das neusprachliche Jungengymnasium, während der mathematisch-naturwissenschaftliche Zweig nach dem Auszug des Schalker Gymnasiums in der Hammerschmidtstraße untergebracht wurde, das heutige Carl-Friedrich-Gauß-Gymnasium.

Nach der Neuformierung stellten sich die Aufgaben des Neuanfangs, der Konsolidierung und der Integration sowie der Eröffnung weiterer Perspektiven und Entfaltungsmöglichkeiten. Als die neue Schulleitung (OStD Dr. Helmut Weigel und sein ständiger Vertreter VwOStR Klemens Surmann) mit der Unterrichtsplanung beginnen konnte, waren das Lehrerkollegium des Max-Planck-Gymnasiums bereits aufgeteilt, die neuen Sextaner aufgenommen und die Klassen ge­bildet worden. Zu den 18 Klassen des neusprachlichen Jungengymnasiums kamen noch 4 Klas­sen des wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Gymnasiums hinzu, zusammen mit 600 Schü­lern (davon ... Mädchen). Die Schülervertretung mit dem Schulsprecher Wolfgang Schael zeigte sich beweglich, ideenreich und zu konstruktiver Zusammenarbeit bereit. Die Schülerzeitung „triangel" war vielseitig in ihren Themen und von hohem Niveau, wie allgemein anerkannt wurde. Die Elternvertreter des MPG-Fördervereins, Dr. med. Wilhelm Kleine und RA Heinrich van Kell, übergaben als Grundbestand eines schuleigenen, neu zu bildenden Fördervereins nach der Teilung einen höheren Geldbetrag und ein Cembalo.

Als besondere Fakto­ren der Stabilität und Kontinuität erwiesen sich die Fachberei­che Musik und Kunst, die zur Förde­rung des inneren Schullebens und in gleicher Weise zur Darstellung der Schule in der Öffent­lichkeit beitragen konnten. Der aktive Musiklehrer OStR Erich Herrmann konnte noch ein Schulorchester mit ansprechenden Soli­sten, eine Orff-Spielgruppe und einen Schulchor vorweisen. Die Zusammenarbeit mit dem im Schulgebäude unter­gebrachten Konservatorium unter seinem Direktor Arthur Hahn ermöglichte die Bildung eines Schul-Blasorchesters. Einzelne Musikinstrumente zur Ausleihe an Schüler waren vorhanden.

Im Fach Kunst wurden durch den kraftvollen Maler und Kunsterzieher OStR Werner Kubink zahlreiche Aktivitäten zur Kreativität und in der Präsentation durch Ausstellungen entwickelt.

Von gleicher Bedeutung war der Fachbereich Sport, der durch die Bundesjugendspiele und die verschiedensten Wettkämpfe ebenfalls eine ausgeprägte Öffentlichkeitswirkung besitzt. Ein gro­ßes Problem stellten dagegen die vorhandenen schuleigenen Sportstätten dar: Die einzige Turn­halle reichte für alle Unterrichtseinheiten in keiner Weise aus, und die Umkleide- und Duschein­richtungen in den beiden Nebenräumen waren höchst unzulänglich, was auch für diese Einrich­tungen im Kellerbereich galt. Der Sportplatz bot dagegen unter Berücksichtigung der Witte­rungsverhältnisse einige Möglichkeiten und nach Abstimmung auch Raum für 2 Klassen. Eine willkommene Ergänzung bildete die benachbarte Schwimmhalle, wenn eine größere Anzahl von Schwimmzeiten erreicht werden konnte und die Sportlehrpläne darauf abgestellt wurden. Die zeitweise mögliche Nutzung der nahegelegenen Polizei-Sporthalle stellte eine wünschens­werte und notwendige Erweiterung des Angebots dar. Die Koordination der Sportstättennutzung mit den unterschiedlichsten Auflagen setzte langjährige Erfahrung, organisatorische Fähigkei­ten und Flexibilität voraus, worüber OStR i.R. Walter Eggemann verfügte, so daß diese schwie­rige Aufgabe bei ihm in guten Händen lag.

Die Situation von anderen Fachräumlichkeiten war einfacher, jedoch ebenso unzulänglich. Wäh­rend für die Musik zwei sehr einfach ausgestattete Räume - neben der Aula und im Dachgeschoß - zur Verfügung standen, gab es für die Kunst nur einen Fachraum, ebenfalls im Dachgeschoß. Die naturwissen­schaftlichen Fächer Biologie, Physik und Chemie besaßen au­ßer einem Sammlungsraum nur je ei­nen Hörsaal mit einer Ausstattung, die teil­weise auf ein hohes Alter zurückblicken konnte und deswegen später in Einzelstücken in ein Schul­museum gelangt ist. Schülerübungen wa­ren nicht oder nur in sehr einfacher Form möglich. Bei den Demonstrations- und Arbeitsgeräten gab es ältere und neuere Ex­emplare, auch solche aus der Frühzeit des Schulgebäudes von 1908. In den aufge­führten Bereichen offenbarte sich ein ganz erheblicher Modernitätsrückstand, der auf die Dauer nur durch Neubau und Neuausstattung aufgehoben werden konnte. Den betroffenen Fachkollegen wurden dadurch starker Arbeitsein­satz, pädagogische Phantasie und Zukunftsoptimismus abverlangt.

(RUNDSCHAU-Bild: Kampert)
GB — Eine wahrhaft generöse Geste zeigte die Schulpflegschaft des Neusprachlichen Gymnasiums an der Breddestraße gestern aus Anlaß der Entlassung der Abiturientia 1967 in der Aula. Zugleich Im Namen des Fördervereins überreichte dessen Reprä­sentant Hawig (links) Oberstudiendirektor Dr. Weigel ein Planetarium „in Anbe­tracht der Tatsache, daß die öffentlichen Mittel jetzt auch für schulische Zwecke knapper geworden sind“. Außerdem übergab Herr Hawig namens des Fördervereins im Rahmen der von Kräften der Schule würdig gestalteten Abschiedsfeier den Absolventen Georg Bert Schumacher und Bärbel Hanowak für besondere schulische Leistungen je ein Buchpräsent (unser Bild: Spender Hawig [rechts] und Oberstudien­direktor Weigel).

Die Aufteilung des Kollegiums war sicher ein in sachlicher und menschlicher Hinsicht schwie­riger, sensibler Vorgang, ließen sich doch die Kriterien außer bei den Kolleginnen und Kollegen der neusprachlichen Fächer persönlich nicht immer ganz nachvollziehen, zumal es auch Ab­sprachen für die nachfolgende Zeit zu geben schien. Für die weitere Entwicklung erwies es sich als positiv, daß es dazu nicht gekommen ist, so daß die anfängliche Unruhe und Ungewißheit nicht wieder aufflackerte und die notwendige Stabilisierung nicht beeinträchtigt oder verzögert wurde. Eine offene Form des mitmenschlichen Umgangs, rechtzeitige Gespräche über den Unterrichtseinsatz der einzelnen Kolleginnen und Kollegen, in welche die eigenen Vorstellun­gen miteingebracht werden konnten, und gemeinsame Unternehmungen des Kollegiums halfen mit, den erforderlichen Zusammenhalt und ein positives Arbeitsklima ebenso aufzubauen wie eine Atmosphäre des Vertrauens und der gegenseitigen Wertschätzung. Bereits bei der offiziel­len Einführung der neuen Schulleitung am 22. Juni 1966 durch Oberschulrat Sonnenschein und Oberbürgermeister Scharley konnte der Sprecher des Kollegiums, OStR Rudolph Fischer, das Ende des „Schreckens der Leere", des „horror vacui" der antiken Philosophie und christlich-mittelalterlichen Theologie, feststellen und seiner Freude darüber Ausdruck geben, daß Schule und Kollegium jetzt „so gentlemanlike geworden" seien.

Die in Jahren entstandenen engen Kontakte einzelner Kollegen beider Schulen haben auch nach der Trennung - z.B. in einem Kegelklub - weiter bestanden und sich in einem monatlichen Pensionärstreffen bis heute erhalten. In den ersten Jahren sind die Kollegen OStR Bickelmann (M, EK), Namneek (D, GE), Erich Herrmann (MU, EK), Josef Hesse (E, F, EK) und Dr. Paul Münchberg (BI, CH) in den Ruhestand getreten, drei von ihnen aber der Schule mit deutlich verminderter Stundenzahl erhalten geblieben. Wegen des damals bestehenden starken Lehrer­mangels taten sich weitere Lücken auf, die insgesamt und besonders für einzelne Fächer wie z.B. Biologie für eine sehr lange Zeit nicht geschlossen werden konnten. Mit dem wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Zweig sind außer dem Schulleiter und seinem ständigen Vertreter die StR Werner Scheuermann (WISO, EK), Werner Schlüter (E, SP), Paul Humann (D, L) und Finzen (L, GE) vom Schalker Gymnasium zur Breddestraße gewechselt, von der Kaufmänni­schen Unterrichtsanstalt außerdem die Musiklehrerin Erna Kemler und der Kunsterzieher Karl Philipps. Dadurch ergab sich eine günstige Ausgangslage für eine voranschreitende Integration des neuen koedukativen Zweiges, der sich seinerseits als positive Herausforderung und innova­tives Element herausstellen sollte.

Es begann im April 1966 mit zwei sog. Kurzschuljahren: das erste von Anfang April bis Ende November 1966, das zweite von Anfang Dezember 1966 bis Ende Juli 1967. Auf diesem Wege sollte der bisherige Schuljahresbeginn zu Ostern auf den Zeitpunkt nach den Sommerferien (August / September) verlegt werden. Die Verkürzung zweier Schuljahre um insgesamt ein hal­bes Jahr mußte organisatorisch durch zusammengedrängte Terminplanung und pädagogisch durch eine Straffung der Stoffverteilungspläne der einzelnen Fächer wie durch weitere Maßnahmen vorbereitet und bewältigt werden. Im zweiten Kurzschuljahr begann 1967 eine Verknüpfung mit dem gerade gegründeten städtischen Aufbaugymnasium beim Lehrpersonal, die in den kom­menden Jahren bei fortschreitendem Wachstum der neuen Schule in den Jahrgangsstufen schritt­weise wieder zurückgeführt werden sollte. So unterrichteten z.B. der Schulleiter Wilhelm Bockelkamp (D, EK) und StR Robert Bornemann (E, L) vom Aufbaugymnasium auch an der Breddestraße, während Fachlehrer der Naturwissenschaften, Kunst und Musik in den Räumen der neuen Schule an der Spindelstraße in Buer-Hassel einzelne Unterrichtsstunden erteilten. Die Aufbauhilfe erforderte entsprechende Mehrarbeit für alle Beteiligten in der Verzahnung der Stun­denpläne, den Fahrten zwischen beiden Schulorten und der Teilnahme an Konferenzen beider Systeme, erbrachte jedoch im wechselseitigen Austausch und kollegialen Umgang miteinander, vor allem aber im Kennenlernen der unterschiedlichen Zielsetzungen und methodischen Ar­beitsweisen einen positiven Erfahrungszuwachs in menschlicher, organisatorischer und pädagogischer Hinsicht. Schon damals wurde der Grund gelegt für spätere konstruktive Zusammenar­beit.

Aus den bisher dargelegten Gegebenheiten und Zusammenhängen ergab sich eine durch akuten Lehrermangel geprägte Unterrichtssituation. Die Gesamtschülerzahl war, nachdem zwei neu­sprachliche und eine WISO-Abiturklasse mit zusammen 39 Schülerinnen und Schülern die Schule am Ende des ersten Kurzschuljahres verlassen hatte, durch Neuaufnahme von 64 Sextanern und weiterer Schülerinnen und Schüler für die 11. Klasse (Obersekunda) des wirtschafts- und sozi­alwissenschaftlichen Zweigs um 31 auf 631 Schüler (davon 51 Schülerinnen) leicht angestie­gen, was die Einrichtung einer weiteren Klasse auf 23 Klassen nach sich zog. Unter Verzicht auf zusätzliche Unterrichtsveranstaltungen konnte die Unterrichtsverteilung mit der Kürzung von 21 Stunden auskommen. Das war nur möglich, weil 200 Unterrichtsstunden, das sind mehr als acht Lehrerstellen, durch 13 nebenamtlich tätige „Hilfskräfte" und durch Überstunden des ein­satzwilligen Kollegiums gedeckt werden konnten.

Für die Arbeitsverhältnisse von Lehrern und Schülern kamen die Raumsituation, die Ausstat­tung und der Zustand des Gebäudes erschwerend hinzu. Die von heute gesehen hohe Schüler­zahl einzelner Klassenstufen konnte nur in Unterrichtsräumen mit Bankreihen versorgt werden und stand dem Einsatz moderner Unterrichtsformen entgegen. Zusätzlich zu der starken Be­schränkung bei den Fachräumen und beim Sport zeichnete sich der erste Mangel an Klassen-Unterrichtsräumen ab, der sich bei weiterem Ansteigen der Schülerzahl und Normalisierung der Klassenfrequenzen sehr schnell vergrößern würde. Im Gebäude rissen seit 1966 für viele Jahre die Handwerkerarbeiten in den Ferien, aber auch während der Unterrichtszeit nicht mehr ab. Moderne Decken mußten eingezogen, Sicherheitsauflagen im Treppenhaus erfüllt werden, ein dringend notwendiger Anstrich der Klassen- und Fachräume erfolgte.

Neuformierung und Neuanfang der Schule machten es notwendig, die das Schulleben tragenden Kräfte stärker miteinander in Kontakt zu bringen, damit sie ihre unterschiedlichen Interessen offenlegen, verständnisbereit aufeinander zugehen und miteinander bzw. gemeinsam handeln konnten. Die ersten wechselseitigen Erfahrungen und die sich durchsetzende Erkenntnis, nur gemeinsam vorwärtszukommen und sich selbst helfen zu müssen, ließen eine Art Aufbruchs­stimmung entstehen. Dies führte wiederum dazu, daß aus der Schülerschaft (SMV) und dem Lehrerkollegium eigene Vorschläge gemacht und Aktivitäten entwickelt wurden. Die Eltern machten dagegen von ihren Rechten und Möglichkeiten weniger Gebrauch, was der allgemei­nen Lage und der damaligen Schulrechtssituation entsprach. Hier konnte und mußte sich etwas ändern. Außer der verstärkten Information und Mitbeteiligung in der Schulpflegschaft (erster Vorsitzender war Rechtsanwalt und Stadtverordneter Walther Becker) mußte versucht werden, bereits die Eltern der neuen Sextaner aktiv in das Schulleben einzuführen und zur Mitarbeit zu gewinnen.

Ein für die Erprobungsstufe eingerichtetes „Elternseminar" sollte diese Aufgabe übernehmen. Bereits die musikalische Begrüßung der Sextaner und ihrer Eltern war ein erster Hinweis dar­auf. Im „Elternseminar", das in enger Zusammenarbeit mit der Klassenlehrerin / dem Klassen­lehrer vorbereitet und durchgeführt wurde, wurden etwa Kriterien bei der Zusammensetzung der Klassen dargelegt - Weiterführung der in der Grundschule gewachsenen Ordnung oder ihre Veränderung, wenn negative Faktoren aufgetreten waren - oder Einblick in den Unterrichtsab­lauf gegeben durch kurze Stundenausschnitte in den Fächern Englisch und Mathematik. Unterrichtsbesuche der Eltern waren nach den damaligen Mitwirkungsrechten nicht vorgese­hen. Die Buersche Zeitung berichtete darüber: „Man gewann die Überzeugung, daß geistige Arbeit die eine Seite der Schule ist, Freude, Spiel und Unbekümmertheit die andere." Genau diese Beobachtung sollte den Eltern vermittelt werden, um sich in ihrem Urteil nicht allein auf ihre eigene, doch schon lange zurückliegende Schulerfahrung stützen zu müssen. Das wichtig­ste Anliegen bildete eine Aktion „Lernhilfe", die das Lernen lehren sollte. So mündete das „El­ternseminar" unmittelbar in den Unterricht ein. Hilfreich sollten auch Klassensoziogramme der 5. und 6. Klassen sein, die von Schülerinnen und Schülern der Klassen 11 des wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Gymnasiums als Unterrichtsprojekte durchgeführt und ausgewertet wurden. Gerade die beiden Kurzschuljahre mit ihrem dichten Unterrichtsprogramm und dem Verzicht auf zusätzliche Veranstaltungen brachten eine Fülle von Aktivitäten außerhalb des Unterrichts: der Fächer Musik und Kunst wie im Sport, besonders aber auch durch die SMV. Denn Schule lebt in und von solchen Veranstaltungen, die Schüler, Lehrer und Eltern zusam­menführen und durch Zuschauer wie Berichterstattung in die Öffentlichkeit hineinwirken. Von den zahlreichen Musik- und Kunstinitiativen dieser Zeit soll stellvertretend eine gemeinsame Veranstaltung im Schulgebäude vom 10. und 13. März 1967 genannt werden: ein Schulkonzert in der Aula in Verbindung mit einer Kunstausstellung vor ihren Toren und in den Fluren. Das von Erich Herrmann und Erna Kemler einstudierte und geleitete Konzert bildete den musikali­schen Rahmen zu den „Bildern einer Ausstellung", wie eine Zeitung titelte. Die Ausstellung hatte den beziehungsreichen Titel „Lehrer und ihre Schü­ler" und sollte mögliche Wechselbeziehungen zwischen Arbeiten der beiden Kunsterzieher Werner Kubink und Karl Philipps und denen ihrer Schüler aufzeigen. Die wegen der großen Nachfrage zweimal durchgeführte Ver­anstaltung hat inneres Schulleben demonstriert und nach­haltig gewirkt.

Im Bereiche des Sports, der in den Bundesjugendspielen, den damit verbundenen Vergleichswettkämpfen und Vor­führungen immer reges Interesse fand, ist einer der größ­ten Erfolge zu nennen, den die Schule erreicht hat: der 2. Platz im Mannschaftsfünfkampf bei den Banner­wettkämpfen der westfälischen Jungengymnasien am 24. / 25. Juli 1967 in Dortmund. Die 4x100 Meter-Staffel belegte dabei den dritten Platz. Von den zahlreichen SMV-Veranstaltungen sind ein sehr gut besuchter Unter- und Oberstufen-Karneval und ein Wohltätigkeitsball (Rein­erlös für Gelsenkirchener Kinderheime) mit regem Zu­spruch zu nennen, aber Schule bildete. Mit Podiumsdis­kussionen begleitete die SMV einzelne Schul­veranstaltungen und Oberstufenprojekte, so z.B.auch eine Einführung „Theater heute" für die Klassen 10 bis 12 als Beginn für eine umfangreiche Schülervormiete am „Mu­siktheater im Revier" mit vorbereitenden Vorträgen in der Aula und die Vorbereitung einer Berlinfahrt der Klassen 11 mit dem Thema „Probleme der deutschen Ostpolitik". Als Initiative des Kollegiums ist vor allem die Studien­fahrt zur Kauf hof AG in Köln mit modernstem Organisa­tionssystem und zum Altenberger Dom erwähnenswert, die allseits in guter Erinnerung ist.

Ein leitender pädagogischer Grundsatz der neugebildeten Schule war von Anbeginn die „Öffnung zur Gesellschaft", das Aufgreifen des aktuellen Bezugs zum Leben rings­um. Diese Grundauffassung besaß eine deutliche politische Dimension, wie sie z.B. in der Part­nerschaft zwischen unserer Schülerzeitung „triangel" und der ÖTV-Jugendzeitschrift in Gelsen­kirchen „Blickpunkt" sowie in der Teilnahme von Oberstufenschülern an Wochenendbegegnungen zwischen Gymnasiasten und jungen Gewerkschaftern zum Ausdruck kommt. Diese „Öffnung" mußte auch zur Folge haben, daß die Schule stärker in der Öffentlichkeit in Erscheinung trat und in sie hineinwirkte, auf der anderen Seite aber auch die Öffentlichkeit-mehr an ihrem inneren Schulleben teilnehmen ließ. Eine wichtige Aufgabe übernahmen dabei die Medien, vor allem die Zeitungen, die sich in dieser Zeit sehr aufgeschlossen zeigten.

Besonders deutlich wird das in Projekten des Fachbereichs Wirtschafts- und Sozialwissenschaf­ten, die StR Werner Scheuermann ab 1966 durchgeführt hat. Eine Betriebsumfrage bei Arbeit­nehmern, Betriebsräten und Arbeitgebern zur „Mitbestimmung" fand als Dokumentation nicht nur in der örtlichen Presse reges Interesse und breites Echo, auch der WDR, Studio Dortmund, berichtete in einem Interview davon in „Zwischen Rhein und Weser", eine Übertragung auf dem WDR-Bildschirm im „Sozialpolitischen Tagebuch" schloß sich an. Dabei fand auch das Wirtschafts­und Sozialwissen­schaftliche Gymnasi­um als neuer Gymnasialtyp das öf­fentlich Interesse. Wichtiger noch war eine Podiumsdiskus­sion zur „Mitbestim­mung und Demokra­tisierung" in der Aula der Schule durch die S M V, an der ein Ver­treter des Arbeitge­berverbandes, ein Gewerkschafts­sekretär und ein Be­triebsleiter neben dem Fachlehrer und Schülern teilnahmen. Vorbereitend hatten zwei Schülerväter - Heinz Urban, MdL (SPD), und Walter Grabowski, Stadtverordneter (CDU und CDA), - mitgewirkt.

Schon im ersten Kurzschuljahr 1966 war ein „Förderverein" der Eltern gegründet worden, der durch Jahre hindurch vom ständigen Vertreter des Schulleiters Klemens Surmann in bewährter Weise betreut wurde. Da die städtischen Etatmittel - außer bei neu einzurichtenden Schulen -viele Wünsche unserer Schule in ihrer besonderen Situation nicht erfüllten, konnten durch Fi­nanzmittel des Fördervereins Anschaffungen getätigt, bedürftige Schüler bei Schulfahrten un­terstützt werden und weiteres mehr. Am 21. Juli 1967 wurde in der Schulaula von 80 Anwesen­den ein „Verein der Ehemaligen" gegründet, der eine eigenständige Entwicklung in nur lockerer Anbindung an die Schule anstrebte. So wie das neue Gymnasium an der Breddestraße begonnen hatte, ein eigenes Profil zu gewinnen und in der Öffentlichkeit bekannt zu werden, so bildeten sich erste Traditionslinien aus, nahm die Geschichte des Leibniz-Gymnasiums ihren Anfang und Fortgang. Die beiden zusammengeschlossenen Zweige - neusprachlich sowie wirtschafts- und sozialwissenschaftlich - brachten ihre eigene Geschichte mit und besaßen im Schulgebäude von 1908 einen Traditionsträger ersten Ranges, wie sich später durchschlagend zeigte, als die Ehemaligen des Max-Planck-Gymnasiums in jedem Jahr die „Erinnerungsorte" ihres Schullebens und vor allem der Reifeprüfung an Ort und Stelle konkret aufsuchen wollten. Hier zeigte sich eine aufschlußreiche Parallele zur in dieser Zeit entstehenden Geschichtsbetrachtung „vor Ort" und zur „Kultur der Erinnerung", in der jeder einzelne seine persönliche Lebensgeschichte be­gründen und aufsuchen konnte. Die offizielle Feststellung bei der Teilung des Max-Planck-Gymnasiums, die Schultradition mit zur Löchterheide zu nehmen, vollzog sich nur in einigen wenigen Symbolen, ist eigentlich aber nie Wirklichkeit geworden. Die Gymnasien in Gelsenkirchen-Buer haben eine gemeinsame Entstehungsgeschichte, aber zugleich eine eigene Schulgeschichte, nachdem sie selbständig geworden sind und sich eigenständig entfaltet haben.Mit dem ersten Schuljahr in normaler Länge 1967/68 konnte die Schulentwicklung kräftig fortschreiten und sich ein deutliches pädagogisches Profil sowie ein anziehendes öffentliches Er­scheinungsbild ausformen. Für die zahlreichen schulischen Veranstaltungen wurde ein fester, aber nicht unbeweglicher Zeitraster aufgestellt, der sich in die Grundgegebenheiten schulischer Unterrichtsarbeit - wie Klassenarbeiten, Zeugnisse, Abiturprüfungen und seit 1968 auch Nach­prüfungen - einpassen mußte. Besonders deutlich wird das bei dem Fahrtenprogramm, das sich aus den gemachten Erfahrungen und der Koordination von Zielvorstellungen der Lehrer, Schü­ler und Eltern entwickelt und in zwei, drei Jahren für längere Zeit eine feste Form gefunden hat. Die Studienfahrten der Klassen 13 führten nach London (vorher auch nach München), die der 12. Klassen nach Prag (vorher auch nach Budapest). Beide lagen am Anfang des Schuljahres. Die Fahrten der Klassen 11 hatten Berlin als Ziel und wurden durch eine SMV-Veranstaltung mit wechselnden Themen vorbereitet. Ihr Termin lag im zweiten Schulhalbjahr.

Für die Unter- und Mittelstufenklassen wurden außer dem eintägigen Ausflug zwei 14tägige Landschulheimaufenthalte eingerichtet: für die Klassen 7, eventuell auch 8 nach Willingen / Sauerland und für die Klassen 10 am Ende des l. Schulhalbjahres nach Altglashüttem / Schwarz­wald. In Willingen, später im städtischen Landschulheim Lieberhausen / Oberbergisches Land wurden Unterrichtsstunden, Wanderungen bzw. einzelne Fahrten und gemeinsam gestaltete Frei­zeit miteinander verbunden. In Altglashütten (Unterbringung in der Jugendherberge) wurde als Unterricht ausschließlich das Skifahren in Theorie und Praxis gelehrt. Die gemeinsamen Erleb­nisse im Klassenverband, der intensive Kontakt zu den begleitenden Lehrern und die Erfahrun­gen mit einer einprägsamen Landschaft sind zu bleibenden Erinnerungen geworden, die den Zusammenhalt festigen konnten. Da alle aufgeführten Fahrten innerhalb einer Klassenstufe durch­geführt wurden, konnten auch deren Kontakte untereinander gefördert werden. Die nicht ganz sichere Schneelage in Altglashütten erbrachte später die Wahl eines anderen, schneesicheren Zielortes. In der Erinnerung ehemaliger Schülerinnen und Schüler haben die gemeinsamen Fahrten einen hohen Stellenwert.

Die in das Schulleben wie in die Öffentlichkeit hineinwirkenden Veranstaltungen der Fächer Musik, Kunst und Sport waren stets von Schülern, Eltern und Lehrern gut besucht und kamen einem allgemeinen Bedürfnis entgegen, - Ausdruck der Zugehörigkeit zur Schulgemeinde. Her­vorzuheben sind die weihnachtlichen Konzerte in der Schule, das Miteinander von Schulkonzert und Kunstausstellungen in Räumen und Fluren des Schulgebäudes und für szenische Auffüh­rungen o.a. in der Aula Löchterheide, die mit der Bühne und durch die große Zahl der Plätze dafür besonders geeignet ist. Bemerkenswert war dort die Aufführung der szenischen Kantate „Der Rattenfänger von Hameln" von Kretschmar: Bühnenbild und Kostüme durch den Kunst­unterricht, Leitung und Dirigent Erich Herrmann im farbigen Kostüm. Im Bereich des Sports bildeten sich das Schulsportfest und die Schwimmwettkämpfe als Höhepunkte heraus, gefördert durch das Erreichen von Urkunden, Preisen und Schulrekorden. Bei der Teilnahme der Schulmannschaften an örtlichen und regionalen Sportwettkämpfen konnten in den nächsten Jahren gute Plazierungen beim Bannerwettkampf, in Basketballrunden, im Hallenhandball und bei den Stadtmeisterschaften erreicht werden. Die Wettkampfatmosphäre des Bannerwettkampfes der westfälischen Jungengymnasien und der hervorragende 2. Platz unserer Schulmannschaft 1967 konnten allen Schülern durch die Aufführung des Filmes „Um Banner und Sieg" im Mai 1968 vermittelt werden.

Im November 1967 begann eine Schülervormiete im „Musiktheater im Revier", die im Schul­jahr 5 Aufführungen brachte, durch einzelne Einführungsvorträge in der Schule begleitet und mit über 200 Teilnehmern von unserer Schule am stärksten besucht wurde. Daß auch die Zu­sammenarbeit der Fächer Deutsch und Kunst zu interessanten Ergebnissen führen kann, zeigte ein Projekt der Klasse 8s l. Hauffs Märchen vom „Zwerg Nase" wurde im Deutschunterricht (StR Michael Caselmann) im Teamwork als sozialkritisches und zeitsatirisches Hörspiel gestal­tet und im Kunstunterricht (Fachlehrer Karl Philipps) in Bilder gefaßt, so daß schließlich eine vielbeachtete Ton-Bild-Schau erstellt werden konnte. Sie hat anderen Klassen bei der Vorfüh­rung viel Spaß gemacht und ist vom WDR als Sendeprojekt übernommen worden. Im Juni 1968 konnte eine Klasse 12sw mit dem WISO-Fachlehrer StR Werner Scheuermann mit einem neu­en, aktuellen Projekt an die Öffentlichkeit treten. Die Schülerinnen und Schüler haben „Die soziologische Struktur Gelsenkirchens" dokumentarisch erarbeitet und unter Einbeziehung der wirtschaftlichen Umstrukturierung den „Strukturwandel in Gelsenkirchen" kontrovers disku­tiert. Öffentliches Interesse fanden auch die soziologischen Beobachtungen am Abiturjahrgang 1969, die bei der Entlassungsfeier vorgetragen werden konnten. Nach der sozialen Herkunft stammten 50% aus der Schicht der Arbeiter und einfachen Angestellten, 30% aus Familien mitt­lerer Angestellter, 13% von selbständigen Eltern und nur 7% waren Kinder von leitenden Ange­stellten und Akademikern. Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung zeigte sich keine soziale Grup­pierung unter- bzw. überrepräsentiert. Beim Vergleich mit dem sozialen Querschnitt der Studen­ten konnte festgestellt werden, daß nur 5% der Abiturienten der Schule, die studieren wollten, aus der „oberen Mitte" kamen, während es im Durchschnitt 47,2% waren.

Aufschlußreich war auch der Vergleich zwischen dem Beruf des Vaters bzw. Der Mutter und dem angegebenen Berufsziel des Sohnes bzw. der Tochter: die angestrebten Berufe wiesen durchweg ein höheres Sozialprestige auf, so daß die allgemeine Aufstiegsdynamik bestätigt wurde. Nach dieser Mo­mentaufnahme schien das traditionelle Gymnasium bereits damals im Wandel begriffen.

Schon früh sind Überlegungen zur Namensgebung der neuformierten Schule angestellt und er­örtert worden. Zur damaligen Zeit erschien es als selbstverständlich und notwendig, daß eine Schule in der Regel einen personalen Namen trug. In ihm konnten sich Bildungs- und Erzie­hungsziele ausdrücken, aber auch ein Zusammenhang zur örtlichen, regionalen und überregio­nalen Geschichte aufgezeigt werden. Mit dem deutschen Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716), seinem fächerübergreifenden Wissenschaftsverständnis, seinen bedeuten den Wissenschaftsleistungen und seinem europäischen Wirkungsbereich können überzeugende Verbindungslinien zu unserer Schule und ihrem Bildungs- und Erziehungsuaftrag gezogen wer­den. Hinzukommt die Affinität, die zwischen unserer Zeit und dem Barockzeitalter zu bestehen scheint. Nachdem der Prozeß der Namensgebung die Mitwirkungsgremien der Schule durch­laufen und dort wie beim Schulträger die Zustimmung gefunden hatte, konnte die Einführung des Namens „Leibniz-Gymnasium" am 15. März 1968 in einer Feierstunde in der Schulaula begangen werden. Den Festvortrag mit dem Titel „G.W. Leibniz und seine Bedeutung für unse­re Zeit" hielt Prof. Dr. Martin, Bonn, Vizepäsident der Deutschen Leibniz-Gesellschaft. Abends fand eine VHS-Veranstaltung für die Eltern der Schule statt; sein Thema lautete: „G.W. Leibniz - ein Vater der Kybernetik". Zeitgleich gab es in der Schule eine Ausstellung von Arbeiten des Kunstunterrichts und einzelner Fächer zum Thema Leibniz, sein Werk und seine Zeit. Im Sep­tember 1968 wurden Schulgemeinde und Öffentlichkeit mit den bahnbrechenden Forschungsar­beiten des am Leibniz-Gymnasium tätigen Biologie- und Chemielehrers Dr. Paul Münchberg über „Libellen" in einer Ausstellung vertraut gemacht. Kollege Dr. Münchberg war Stipendiat der Rockefeller-Stiftung am späteren Max-Planck-Institut und Beauftragter der Deutschen For­schungsgemeinschaft, er hat mehr als 400 wissenschaftliche Abhandlungen publiziert. Die Libellenforschung hat er noch als Lehrer weitergeführt, ein nicht mehr so häufiges Beispiel der Verbindung von Wissenschaft und Schule.

Die SMV - vertreten durch das Gremium der Klassensprecher und den Schulsprecher, unter­stützt durch den Verbindungslehrer - bemühte sich um die Artikulierung und Vertretung der Schülerinteressen in vielen Einzelheiten. Bei einigen Veranstaltungen sollte die Interessenlage der gesamten Schülerschaft Berücksichti­gung finden. Sehr regen Zuspruch fand all­jährlich der Schülerkarneval für die Unter- und Mittelstufe in der alten Turnhalle mit ca. 200 Teilnehmern in bunten Kostümen. Die Podiumsdiskussionen in der Aula waren auf die Schülerschaft der Klassen 10 bis 13 zu­geschnitten und belegten in der Wahl der Themen durch zunehmend politische Ak­zentsetzung die „Öffnung zur Gesellschaft", die auch im breiter werdenden Meinungs­spektrum und in sich herausbildenden poli­tischen Strömungen erkennbar wurde. Ge­sellschaftlich relevante Problemstellungen wurden hier früh erkannt, aufgegriffen und artikuliert, wie die Reihen der Themen zeigt: „Warum Notstandsgesetze?", „Wehrdienst­verweigerung", „Tag der Heimat - zeitge­mäß?" und „Verantwortung gegenüber der 3. Welt".

Schon im Dezember 1967 wurde die als not­wendig erkannte „Demokratisierung der Schule" kontrovers diskutiert. Die bisher praktizierte Schülermitbestimmung wurde als unzulänglich und zu wenig demokratisch kriti­siert und das generelle Mitspracherecht der Schüler gefordert. Zeitgleich war ein Info der AUSS (Aktionszentrum Unabhängiger Sozialistischer Schüler) verbreitet worden, das sich als Gruppe an der Schule konstituiert hatte. In ihm waren radikale Forderungen aufgestellt worden: „Abbau autoritärer Lehrerentscheidungen", „Transparenz der Notengebung", „Beseitigung der Schulhierarchie". Die heftig geführte Diskussion hat lange nachgewirkt und ist auch deshalb aufschlußreich, weil sie der bekannten „68er Revolution" zeitlich etwas vorausgeht. Im Oktober 1968 kam ein neuer SV-Erlaß heraus, der von der „Grundgesetzmündigkeit des Schülers" und vom „Leitbild des jugendlichen Erwachsenen" ausging. Er brachte keine Beruhigung und setzte zunächst keine neue, kontinuierlich fortschreitende Entwicklung in Gang. Die „68er Studenten­unruhen" griffen von der Uni Bochum im Gegensatz besonders zum Schalker Gymnasium und auch zum Grillo-Gymnasium in Gelsenkirchen, wo ehemalige Schüler als Agitatoren wirkten und sich Schulstreiksituationen herausbildeten, nicht unmittelbar auf das Leibniz-Gymnasium über. Seit 1969 haben Vertreter des Vereins der Ehemaligen an unserer Schule eine konkrete Studienberatung der Abiturientinnen und Abiturienten durchgeführt, bei der verschiedene Studien­orte und mehrere Studienfächer unmittelbar vorgestellt wurden. Die Politisierung der Schüler­schaft schritt insoweit fort, als sich neben SV und AUSS nun auch der liberale UDSB (Unabhän­giger Demokratischer Schülerbund) und bald auch die christdemokratische SU (Schülerunion) am Leibniz-Gymnasium etablierten. Der Meinungspluralismus war sichtbar in die Schule ein­gezogen. Auf der Bezirksebene sammelten sich die politischen Kräfte, die pädagogischen Leit­worte der Zeit hießen „Emanzipation" und „Konflikt".

Der Zuspruch der Eltern zu einer Schule und deshalb auch die Anmeldezahlen neuer Schüler werden in gleicher Weise von ihrem Angebot und vom öffentlichen Erscheinungsbild, von den Wahlalternativen der anderen Schulen und von der Größe des Schülerjahrgangs für die 5. Klasse sowie von weiteren Faktoren bestimmt. Für das neuformierte Gymnasium an der Breddestraße waren auch der Bekanntheitsgrad und die Akzeptanz in der Bevölkerung von Bedeutung. In den ersten Jahren gab es folgende Schülerzahlen:

SCHULJAHR

SCHÜLERZAHL

DAVON MÄDCHEN

ANZAHL DER KLASSEN

1966

600

0

22

1966/67

631

51

23

1967/68

681

75

25

1968/69

653

66

25

1969/70

682

70

25

1970/71

604

61

22

1971/72

745

126

26

Nach den beiden Kurzschuljahren schien die Schülerzahl sich auf 650 (davon 80 Mädchen) und auf 25 Klassen einzupendeln. In die 11. Klasse des wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Gymnasiums konnten Schülerinnen und Schüler nach Abschluß der 10. Klasse des Gymnasi­ums und vor allem der Realschule mit entsprechender Fremdsprachenbelegung eintreten. Es wurden in der Regel 2 Klassen 11 eingerichtet. Alle Neuaufnahmen erfolgten an der Schule, eine „zentrale Aufnahme und Lenkung der Schülerströme" durch das Schulverwaltungsamt gab es zu dieser Zeit nicht. Das Leibniz-Gymnasium hatte enge Kontakte zu den Grundschulen aufgebaut, von denen eine größere Anzahl von Sextanern kam, und natürlich auch zu den Real­schulen. Der deutliche Rückgang der Schülerzahlen zum Schuljahr 1970/71 mit der Neuaufnahme von nur 38 Sextanern war nicht durch einen kleineren Jahrgang zu begründen. Die Erklärung mußte vielmehr in der Einrichtung und Entfaltung der neuen Gesamtschule am Rathausplatz gesucht werden, von der das Leibniz-Gymnasium wegen der weitgehend gleichen sozialen Schich­tung deutlich stärker als die beiden anderen buerschen Gymnasien betroffen wurde. So sehr der Rückgang auf 22 Klassen Entlastungen beim Unterrichtsangebot und der Raumkapazität brach­te, so überdeutlich zeichneten sich für die weitere Entwicklung Belastungen bei der Unterrichts­differenzierung mit nur einer Jahrgangsklasse bis zum Abitur und die Gefahr der Einzügigkeit des neusprachlichen Zweiges ab. Eine konstruktive Antwort auf die neue Herausforderung und schnelles Handeln waren geboten.

Die Antwort konnte nur in der Erweiterung des Angebots liegen: in der Einrichtung eines ma­thematisch-naturwissenschaftlichen Zweiges und in der Einführung der Koedukation. Die Er­fahrungen der Kollegen der Fächer Mathematik und Naturwissenschaften am Max-Planck-Gym­nasium vor 1966 und der tägliche Umgang mit der Koedukation in den wirtschafts- und sozial­wissenschaftlichen Klassen 11 bis 13 hatten diesen Weg nahegelegt. Während die Einrichtung des neuen Zweiges die einhellige Mehrheit finden konnte, mußten bei der Einführung der Ko­edukation in Elternschaft und Öffentlichkeit deutlich Vorbehalte und Widerstände durch aufklä­rende Information und Diskussion ausgeräumt und überwunden werden. In der Schulgemeindeversammlung am 19.1.1971 fanden beide Neuerungen dann eine breite Mehrheit, in einer Podi­umsdiskussion am darauf folgenden Tag mit Stadtrat Meya und Amtsleiter Adrian von Seiten des Schulträgers und Eltern-, Lehrer- und Schülervertreter von selten des Leibniz-Gymnasiums konnten die notwendigen Voraussetzungen erörtert und entwickelt werden: Die Einführung der Koedukation setze eine gründliche Vorbereitung, die Schaffung der benötigten räumlichen Ge­gebenheiten und die Entwicklung koedukativer Erziehungs- und Unterrichtsformen voraus. Schule und Schulträger waren in gleicher Weise für die zukünftige Entwicklung gefordert.

Die Anmeldezahlen zum Schuljahr 1971/72 und vor allem der Mädchenanteil übertrafen die vorsichtig optimistischen Erwartungen. Das differenzierte Profil der Schule war zu einer wähl­baren Alternative geworden und fand eine sich steigernde Zustimmung. Aus den pädagogischen Bemühungen in Sachen Koedukation soll eine herausgegriffen werden: das Projekt einer soziometrischen Untersuchung der vier neuen Klassen 5 mit Koedukation (172 Schülerinnen und Schüler) durch Klassen 12sw unter der Leitung von OStR G. Schmitt und StAss E. Jabs. Die aufgrund sorgfältiger Befragungen aufgestellten Diagramme und Zeichnungen konnten den Klassenlehrern pädagogische und erzieherische Hinweise geben und zur Information der Eltern im Rahmen des „Elternseminars" der Erprobungsstufe genutzt werden. In einer Pressekonferenz wurden der Öffentlichkeit einige aufschlußreiche Ergebnisse zur Koedukation und Integra­tion mitgeteilt: „Freundschaften aus der Grundschule werden intensiv weitergeführt und durch die gemeinsame Schulfreifahrt mit Straßenbahn und Bus noch stärker gefestigt. Mädchen­gruppierungen sind besonders haltbar und beeinflussen das Klassenklima stark. Sie bleiben beim Spiel auf dem Schulhof und in der Freizeit meist unter sich. Jungengruppen sind dagegen in diesem Alter noch nicht sehr konstant, hier wechseln die Freundschaften recht schnell. Rivalität zwischen Jungen- und Mädchengruppen findet sich kaum, offenbar wirkt Koedukation in dieser Altersphase spannungsausgleichend. Interessant ist auch, daß für die Gruppenbildung bestehen­de Bekanntschaften, die individuelle Kontaktfähigkeit und der Schulerfolg ausschlaggebend sind. Die soziale Herkunft hat dagegen nur geringe Bedeutung." Die Soziometrie, d.h. die Mes­sung sozialer Beziehungen in einer Gruppe, kann wegen der dynamischen Gruppenprozesse allerdings nur ein Augenblicksbild abgeben, so daß die ständige Beobachtung durch die Klassen­leitung erfolgen muß. Die durch Neuzugang schrittweise verwirklichte Koedukation blieb für das Kollegium eine wichtige pädagogische und erzieherische Aufgabe.

Die anwachsenden Schüler- und Klassenzahl verstärkte die bereits bestehenden Probleme des Lehrermangels und der Raumnot. Mit schneller Abhilfe war nicht zu rechnen, da die obere Schulaufsichtsbehörde in Münster und der Schulträger lange Zeit vom zweizügigen neusprach­lichen Gymnasium nach der Teilung des Max-Planck-Gymnasiums im Jahre 1966 ausgingen und Lehrpersonal und Raumkapazität als ausreichend ansahen und nur die Ergänzung ausschei­dender Lehrer wie eine schrittweise erfolgende Sanierung des Gebäudes von 1908 sowie eine gewisse Modernisierung der naturwissenschaftlichen Fachräume im Laufe der Zeit für erforder­lich hielten. In beiden Fällen konnte nur der ständige und kräftige Druck des Faktischen Abhilfe schaffen, zumal die Zeitverhältnisse und schulpolitische Grundauffassungen sich zu wandeln begannen. In der Zwischenzeit galt es, stets aufs neue zu improvisieren und Einfallsreichtum bei der Selbsthilfe zu entfalten.

Im Schuljahr 1968/69 wurde bei 25 Klassen insgesamt 275 Stunden nebenamtlicher Unterricht erteilt, das sind mehr als 11 Lehrerstellen; davon 205 Stunden durch 15 „Hilfskräfte", 63 Über­stunden des Kollegiums und 7 Stunden durch Referendare. Auf die Schwierigkeiten der Stundenplangestaltung kann in diesem Zusammenhang nur hingewiesen werden. Die neben­amtlichen Lehrkräfte mußte die Schule selbst „anwerben". „Neue Unterrichtsräume" konnten nach zähen Verhandlungen wie folgt gewonnen werden: im Keller und Dachgeschoß je 2 Räu­me (unter Verzicht auf die Lehrerbibliothek), im alten Museum an der Horster Straße und im Dachgeschoß des Rathauses an der Goldbergstraße je 2 Räume. Vier Klassen waren quasi außer Haus - mit allen dadurch bedingten Problemen. Die unzulängliche Turnhalle und die behelfsmä­ßigen Umkleide- und Duschräume müssen hier ebenso Erwähnung finden wie eine geringe Mitbenutzung der Polizeisporthalle. Nachdem zwei Pavillontrakte für die Unterstufe der Ge­samtschule auf einem Nachbargrundstück zwischen Breddestraße und Schulsportplatz errichtet worden waren, konnte später dort die Mitbenutzung von 2 Klassenräumen erreicht werden. In diesem Pavillonbereich sollte - wie später deutlich wurde - eine Entwicklungsmöglichkeit des Leibniz-Gymnasiums liegen. In bezug auf Hauptgebäude und Schulhof ging der Schulträger mehr als ein Jahrzehnt von der beschlußfähigen Planungsgrundlage einer Weiterführung der Holscherstraße zur Maelostraße hin aus, was eine Verkürzung des Gebäudeteils mit Lehrerzim­mer und Naturwissenschaften wie des Schulhofs um mehr als ein Drittel nach sich gezogen hätte. Positiv war dabei nur die sich durchsetzende Erkenntnis der Notwendigkeit eines natur­wissenschaftlichen Neubaus, der schleppende Gang der Gesamtplanung und ständige Ungewiß­heit mußten dagegen in Kauf genommen werden. Pläne zur Errichtung einer schuleigenen Sport­halle an der Vinckestraße entwickelten sich im Zusammenhang mit dem allgemeinen Sportstättenbedarf in Buer-Mitte.

Das Jahr 1971 bildet in der 30jährigen Geschichte des Leibniz-Gymnasiums tatsächlich eine erste Zäsur. Mit der neu eingeführten Koedukation und dem Angebot des neusprachlichen und mathematisch-naturwissenschaftlichen Zweiges sowie der wirtschafts- und sozialwissenschaft­lichen Oberstufe (auch für Realschulabsolventen) hatte die Schule ein vielseitiges, attraktives Profil erhalten, das für eine positive Weiterentwicklung gute Voraussetzungen schuf. Die Phase der Innovation und Konsolidierung konnte ihren kraftvollen Schwung und die starke Einsatzbe­reitschaft weitergeben. Die starken bestehenden Probleme von Lehrermangel und Raumnot dräng­ten auf baldige Lösungen. Im weiteren Rahmen der allgemeinen bildungspolitischen Diskussi­on und der Schulpolitik unserer Stadt zeichneten sich Reformvorhaben und Schulentwicklungsplanungen ab, deren Verwirklichung neue Herausforderungen, Aufgaben und auch Probleme mit sich brachten. Viele dieser Aspekte und Themen waren in den Anfängen und ersten Jahren des Leibniz-Gymnasiums bereits angeklungen.

Dr. Helmut Weigel

 

Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 21. Februar 2010 um 12:29 Uhr