Gymnasien in Gelsenkirchen-Buer erwägen 60-Minuten-Schulstunde
Gelsenkirchen-Buer, 05.04.2011, Christiane Rautenberg

Längere Unterrichtsstunden, weniger Fächer, weniger Schulbücher: Bei 60- oder 90-Minuten-Stunden an den Gymnasien in Gelsenkrichen-Buer wären die Schulranzen nicht mehr so schwer. Foto: Nigel Treblin/dapd
Gelsenkirchen-Buer. Die Schulleiter der drei Gymnasien in Gelsenkirchen-Buer haben bei der Stadt einen Antrag gestellt, dass der Unterricht ab dem Schuljahr 2011/12 bereits um 8 Uhr beginnt. Zudem wollen die Schulen Doppelstunden- oder 60-Minuten-Unterricht einführen.
Nur der frühe Vogel fängt den Wurm: Diesen Spruch können sich die Schüler der drei Buerschen Gymnasien zum neuen Schuljahr 2011/12 über das Bett hängen, wenn denn die Stadt einem Antrag der Schulleiter zustimmt - und der Unterricht nicht mehr um 8.20 Uhr, sondern bereits um 8 Uhr beginnt. Es ist nicht die einzige Neuerung, die diskutiert wird: Leibniz-, Annette-von-Droste-Hülshoff- (AvD) und Max-Planck-Gymnasium (MPG) erwägen, Doppelstunden- oder 60-Minuten-Unterricht einzuführen.
Hintergrund für beide Überlegungen ist die Verlängerung der Schultage durch die Einführung des „Turbo-Abiturs“ (G 8), erläutert AvD-Schulleiter Friedrich Schenk als Sprecher der drei Gymnasien auf WAZ-Anfrage.
Auch Bogestra muss sich äußern
Bevor die Schüler jedoch 20 Minuten früher aus dem Unterricht zurückkehren können, müssen sich die Bogestra und alle weiterführenden Schulen zu diesem Vorschlag äußern. Der Start um 8.20 Uhr im Stadtnorden wurde vor vielen Jahren auch auf Anregung der Bogestra eingeführt, um die vier Busse zu den Gymnasien besser koordinieren zu können: Kaum sind die Schüler im Süden für den Unterricht um 8 Uhr „abgeliefert“, fahren die Einsatzwagen in den Norden für den Start um 8.20 Uhr.
Problemlos umsetzbar ist eine Vereinheitlichung des Unterrichtsbeginns allerdings auch nur, „wenn sie die Stadt kein Geld kostet“, betont Stadt-Pressesprecher Martin Schulmann.
So einig sich die drei Buerschen Gymnasien in Sachen Schulstart um 8 Uhr auch sind - so offen ist die Frage einer neuen Rhythmisierung. Die „langen Schultage“ Montag und Mittwoch etwa dauern bis in den späten Nachmittag (16.20 Uhr) und verlangen von den Schülern im Extremfall, sich mit acht verschiedenen Fächern auseinanderzusetzen. „60-Minuten- oder Doppelstunden würden da mehr Ruhe reinbringen, die Kinder hätten weniger Fächer“, sieht Schenk einen möglichen Vorteil. Die Schüler müssten auch nicht mehr so häufig den Klassenraum wechseln und weniger Bücher herumtragen.
Umstellung auf anderen Takt wäre „knifflig“
Pädagogisch hätten beide Modelle zudem den Vorteil, dass mehr Zeit für andere Unterrichtsformen wie Partner- und Gruppenarbeit zur Verfügung stünde als im herkömmlichen 45-Minuten-Unterricht. „Besonders der naturwissenschaftliche Unterricht würde profitieren, wenn mehr Zeit für Experimente bliebe“, meint MPG-Leiter Reinhard Linnenbrink.
Aber auch die (organisatorischen) Nachteile seien nicht wegzudiskutieren. „Alle Richtlinien und Pläne, auch die zu den zentralen Prüfungen, sind auf den 45-Minuten-Takt abgestimmt. Sie müssten mit einem 60- oder 90-Minuten-Ryhthmus in Einklang gebracht werden“, sagt Leibniz-Leiter Konrad Fulst und bezeichnet diese Aufgabe als durchaus „knifflig“. Denn die bislang vorgeschriebene Zahl der Unterrichtsstunden pro Fach und Schuljahr müsse auch bei einem anderen Rhythmus eingehalten werden.
Fremdsprachenlehrer führen zudem ins Feld, dass es jüngere Schüler mit kürzeren, dafür aber häufigeren Einheiten beim Erlernen einer neuen Fremdsprache leichter hätten.
Das 60-Minuten-Modell haben sich Vertreter der drei Gymnasien bereits im Josef-Albers-Gymnasium Bottrop angesehen, nächste Woche steht ein Besuch im Ricarda-Huch-Gymnasium Gelsenkirchen auf dem Programm, das das Doppelstunden-Modell umgesetzt hat.
Welches Modell die drei Gymnasien wählen - in Hinblick auf eine Kooperation fällen sie die Entscheidung gemeinsam -, ist noch unklar. Schenk: „Es kann genauso gut sein, dass wir auch alles beim Alten lassen.“ |